In Australien ist die E-Zigarette so streng reguliert, wie in kaum einem anderen Land. Zumindest in keinem, in denen der Erwerb nicht sowieso grundsätzlich verboten ist. Seit 2008 darf eine E-Zigarette mit Nikotin bzw. nikotinhaltiges Liquid nur noch über eine Apotheke verkauft werden. Mit der Rezeptpflicht von 2021 erweiterte sich die Regulierung auch auf nikotinfreie Produkte. Das kommt einem Totalverbot schon sehr nahe, denn welcher Dampfer geht erst zum Arzt, um sich dort ein Rezept für sein Liquid ausstellen zu lassen? Vermutlich kaum einer, schließlich gibt es das Internet und Suchmaschinen.
Die Folgen für Australien
Das Interesse der Apotheken selbst am Verkauf von E-Zigaretten ist ebenfalls auffällig gering. Nur 700 von insgesamt 5.900 australischen Apotheken bieten diese Produkte überhaupt an. Diese Zahlen wurden vom Daily Telegraph veröffentlicht, nachdem die Zeitung im Zuge des Informationsfreiheitsgesetzes eine Anfrage an Behörden gestellt hat. Die Website Vaping360 berichtete darüber. Die Arzneimittelbehörde TGA (Theapeutic Goods Administration) des Landes hat ausführlich geantwortet, dass in der Zeit von Oktober 2024 bis April 2025 nur 6.000 Lieferungen an Apotheken pro Monat gemeldet wurden. Gleichzeitig räumt die TGA ein, dass über 10 Mio. E-Zigaretten monatlich auf dem Schwarzmarkt verkauft werden. Das entspricht einer Quote von 1.700 zu 1 zugunsten des illegalen Handels.
Der legale Markt existiert in Australien quasi nicht mehr. Den Vertrieb zur Deckung der Nachfrage hat in großen Teilen die organisierte Kriminalität übernommen. Eine ähnliche Entwicklung droht leider auch in Europa. Da geht es aber nicht um die Apothekenpflicht (wurde bei uns auch schon diskutiert und verworfen), sondern bei uns dreht sich alles um ein Verbot von Aromen. Das Kernargument: fruchtige und süße Aromen würden Kinder anlocken. Wegen des Jugendschutzes sollen deshalb alle diese Aromen vom Markt verschwinden. Nach den DEBRA-Zahlen ist die Anzahl der jugendlichen E-Zigaretten Nutzern (14-17 Jahre alt) in Deutschland rückläufig auf derzeit 1,5% in dieser Gruppe (zum Vergleich konsumieren in der gleichen Altersgruppe 6,2% klassische Tabakzigaretten). Zum Schutz dieser illegalen Käufergruppe soll also der legale Markt mit etlichen Millionen Nutzern in ganz Europa praktisch vernichtet werden? Wo bitte ist da die Verhältnismäßigkeit?
Situation in den USA
In Massachusettes, Kalifornien, New Jersey, Rhode Island, Utah, Columbia, Washington D.C. und New York gibt es bereits seit den 2020er Jahren das Verbot aromatisierter Tabakprodukte, worunter auch E-Zigaretten fallen. US-Forscher haben überprüft, ob das Verbot auch eingehalten wird. Nicht nur vom Handel, sondern auch von den Konsumenten. Deshalb untersuchten sie den städtischen Abfall in Washington D.C. und New York City. Im Ergebnis waren 99% der untersuchten Tabakprodukte im Abfall aromatisierte Produkte. Die stadtweiten Verbote hätten kläglich versagt. Vermutlich sieht es im ländlichen Raum kaum anders aus.
Ein anderer Effekt sollte aber noch viel mehr Anlass zur Sorge bereiten: am 24.01.2025 veröffentlichte das Journal of the American Medical Association eine Studie, derzufolge ein staatliches Verbot zwar die Dampferquote bei den 18-29 jährigen Nutzern um 3,6% senken konnte. Nur leider stiegen die meisten davon daraufhin auf die wesentlich schädlicheren Tabakzigaretten um. „In den Bundesstaaten mit Aromaverboten stieg die tägliche Raucherquote zwischen 2018 und 2023 im Vergleich zu den Bundesstaaten ohne Verbot um 2,2 Prozent.“ Ein Aromaverbot hilft also unmittelbar und direkt der Tabakindustrie!
Latein- und Südamerika
Die Länder Brasilien, Mexiko und Kolumbien sind die größten im südamerikanischen E-Zigarettenmarkt mit ca. 4,19 Mio. erwachsenen Nutzern. Der Umsatz wird dort mit 2 Mrd. US-Dollar taxiert. Brasilien allein macht fast die Hälfte davon aus. Sowohl bei den Nutzern, als auch beim Warenumsatz. Verrückterweise existiert in Brasilien seit 2009 ein Totalverbot für E-Zigaretten und Tabakerhitzer. Dieser riesige Markt ist also zu 100% in den Händen des Schwarzmarktes! Offene System sind eher eine Randerscheinung – es dominieren mit 54% klar die Disposables.
Eine detaillierte Analyse zur Situation des südamerikanischen E-Zigaretten Marktes lässt erkennen, dass trotz Verboten und teils strenger Regulierung das Dampfen einfach nicht kleinzukriegen ist. Bei gleichbleibender Nachfrage werden die Konsumenten unweigerlich auf den Schwarzmarkt ausweichen.
Italien
Im Januar 2015 hatte Italien als erstes europäisches Land eine drastische Verbrauchssteuer auf Liquids für E-Zigaretten von 40 cent pro ml erhoben. Man versprach sich 85 Mio. Euro mehr in der Staatskasse. Geworden sind es aber nur 5 Mio. Der Markt brach in sich zusammen und zerstörte 75% der bis dahin regulierten Vape-Industrie. Es folgte in den Folgejahren ein ständiges Auf und Ab bei dieser Steuer. Nach der Senkung um 90% in direkter Folge des Markteinbruchs stieg das Steuer Jojo langsam wieder an auf etwa 20 cent pro ml Liquid.
Das Kernproblem in Italien ist, dass jede neu Regierung bei der Haushaltsplanung nahezu willkürlich alle möglichen Steuern anhebt oder senkt. Da ist nichts, was dem italienischen Händler oder Hersteller irgendwie Planungssicherheit geben könnte. Ob Steuerchaos, Totalverbote oder Teilverbote z.B. für Aromen – die Profiteure sind immer der illegale Handel und die Tabakindustrie.
Nachfrage wird bestehen bleiben
Die E-Zigarette ist in der Welt. Sie wird nicht so einfach wieder verschwinden. Die Nachfrage existiert – viele Raucher, die mit unzähligen anderen Aufhörversuchen gescheitert sind, wollen zumindest weniger schädlich konsumieren. Wenn diese aber nicht mehr durch den legalen Markt gedeckt werden kann, wird sich das ganze definitiv komplett in den Schwarzmarkt verschieben. Vorsichtigen Schätzungen nach besteht der deutsche Markt bereits jetzt mindestens zur Hälfte aus Schwarzmarktprodukten. Das ist ein Verhältnis von 1 zu 1. Die australische Quote von 1.700 zu 1 ist hier sicher nicht erstrebenswert!
Die Gegner der E-Zigarette argumentieren einerseits mit dem Jugendschutz und andererseits mit evt. gesundheitlichen Gefahren durch Schadstoffe. Interessant dabei, dass man immer im Konjunktiv argumentiert (es könnte sein, man weiß noch nicht genau, es fehlen Langzeitstudien, mögliche Gefahren, etc.). Der Konjunktiv lässt aber auch immer die Option offen, dass es genau so gut nicht zutreffen kann. Die Argumentation im Konjunktiv hat zudem den Vorteil, dass man später nicht der Falschaussage bezichtigt werden kann, wenn sich Bedenken doch als unberechtigt herausstellen. Ein rhetorischer Eiertanz ohne evidenzbasierten Kontext.
Umdenken dringend erforderlich!
Am 18.06.2025 hat der neue Bundesdrogenbeauftragte Dr. Hendrik Streeck in der WELT ein Interview gegeben. Dr. Streeck mahnt dort an, „…dass wir mehr Wissenschaftlichkeit in der Politik brauchen und uns gerade bei Themen, wo es um Gesundheit geht, nicht von politischem Lagerdenken leiten lassen sollten.“ Zum Thema Schwarzmakt sagte er, „Repression alleine hat die Probleme nirgendwo gelöst“. Mit Bezug auf die Prohibition der 1920er Jahre (Alkoholverbot) in den USA analysierte er völlig zutreffend, dass der Schwarzmarkt dadurch boomte, und dass sich „viele Menschen mit falsch gebranntem Alkohol vergiftet haben“.
Aber immer direkt mit Verbotsforderungen zu kommen, halte ich nicht für richtig. Dennoch müssen wir natürlich auch die Prävention beim Rauchen stärken und Rauchende besser dabei unterstützen, mit dem Rauchen aufzuhören.
Dr. Hendrik Streeck, Zitat aus einem Interview mit der WELT vom 18.06.2025
Das Thema E-Zigarette wurde in diesem Interview nicht ausdrücklich angesprochen. Aber sein Ansatz der Sucht-Prävention durch Information und Aufklärung ist unserer Meinung nach genau der richtige. Verbote gibt es genug – es mangelt an der Durchsetzung. Und Dr. Streeck schaut auch über Ländergrenzen hinaus, um aus gemachten Fehlern zu lernen. Das haben wir gerade bei den Bundesdrogenbeauftragten der letzten Jahre so gut wie nie erlebt. Nun bleibt abzuwarten, welches Gewicht seine Argumente haben werden.
Beitragsbild KI generiert

bvra

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