Das Image der E-Zigarette

Schockierte Frau

Unter unabhängigen Wissenschaftlern ist es längst Konsens. Die E-Zigarette funktioniert als Ausstieg aus dem Rauchen und ist erheblich weniger schädlich. Dennoch ist ihr Ruf schlecht und das führt zu unangemessenen Regulierungen. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Der chinesische Apotheker Hon Lik entwickelte zwischen 2003 und 2005 die erste serienreife „moderne“ E-Zigarette. Seine Motivation war der Wunsch, stark rauchenden Menschen von der Tabakzigarette zu entwöhnen und ihnen so das Schicksal seines Vaters zu ersparen. Dieser war kurz zuvor an Lungenkrebs gestorben. Ab 2005 begann der weltweite Export.

Als der Grazer Toxikologe Prof. Dr. Bernd Mayer dieses neue Produkt ausprobierte und zum Nichtraucher wurde, prophezeite er in seiner Begeisterung, mit diesem Hilfsmittel gäbe es in 10 Jahren keine Raucher mehr. Heute erkennt er an, dass er die Widerstände gegen die elektronische Zigarette massiv unterschätzt hat. Damit steht er leider nicht allein.

„Die E-Zigarette könnte jedes Jahr fünf Millionen Menschenleben retten. Sie könnte die größte medizinische Erfindung seit der Impfung sein.“
Prof. Dr. David Nutt, Imperial College London, Berater der britischen Regierung.

Der Begriff E-Zigarette

Die heutigen Nutzer dieser neuen Technik sprechen viel lieber vom Dampfen, weil schlicht die Verbrennung fehlt, und damit die Hauptursache der möglichen Gesundheitsschäden beim Rauchen. Durch Änderung des Aggregatzustandes des sogenannten Liquids entsteht ein feiner Dampf – keine Verbrennung mit all den toxischen Verbindungen. Die ersten Generationen der Dampfgeräte sahen tatsächlich ein bisschen wie Zigaretten aus. Da Hon Lik diese Technik auch als Ersatz für Tabakprodukte entwickelt hat, lag der Begriff der elektronischen Zigarette auch recht nahe. Aber mit dem Begriff „Zigarette“ assoziiert man immer sofort auch Tabak. Wenn das alles von außen betrachtet auch noch sehr gleich aussieht, darf man sich kaum wundern, wenn der Gesetzgeber diese Produkte im Tabakerzeugnisgesetz als Untergruppe E-Zigarette gleich umfassend mit reguliert.

 

Die Werbepräsenz im öffentlichen Raum

Werbung ist ein notwendiges Mittel, um Marktanteile zu generieren oder eine Marke bekannt zu machen. Und flächendeckende Werbung ist teuer. Die vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen, die den europäischen Markt dominieren, sind finanziell nicht in der Lage, eine Marketing-Offensive zu starten. Ganz anders die Unternehmen der Tabakindustrie.

Anfangs waren sie der größte Gegner der Dampfgeräte, weil diese Produkte den Absatz ihres Kerngeschäfts also Tabakzigaretten gefährdeten. Doch mit dem immer stärkeren Gegenwind von Politik und Gesundheitsorganisationen wurde ihnen klar, dass der Absatz von Tabak zumindest in den westlichen Industrienationen nur noch ein Spiel auf Zeit ist. Etwas Neues musste her und da entwickelte sich gerade weltweit ein Nischenmarkt, der eine echte Alternative anbot. Und so verfuhr die Tabakindustrie frei nach dem Motto: Kannst du den Feind nicht besiegen, kaufe ihn auf! Bei der Gelegenheit kauft man das ganze Knowhow und die Produktentwicklung gleich mit ein.

Was sie selbst mit einbrachten war ihre riesige Marketingmaschine. In der Folge wurde die Wahrnehmung der E-Zigarette in der Öffentlichkeit zunehmend von wenigen Geräten, die durch die Tabakkonzerne promotet werden, geprägt. Das erweckt den falschen Eindruck von Marktdominanz und festigt das Bild, die E-Zigarette sei doch nur eine Weiterentwicklung der Tabakmultis. Nach einer Erhebung des Händlerverbandes Bündnis für tabakfreien Genuss (BftG) macht der Marktanteil dieser massiv beworbenen Geräte im Fachhandel nur 8% des Umsatzes aus. Dafür sind diese Produkte an so ziemlich jeder Tankstelle verfügbar.

 

Verzerrtes Bild bei den Studien

Stanton Glantz , ein Raumfahrtingenieur aus den USA, kam wie die Jungfrau zum Kinde zum Thema E-Zigarette. Lange Jahre hatte er sich im Kampf gegen das Tabakrauchen mit Statistiken beschäftigt und so viel öffentliche Anerkennung erhalten. Schlussendlich bot man ihm trotz seines fachfremden Studiums eine Professur an der University of California im Bereich der Tabakprävention an. Seine bei öffentlichen Auftritten zugegeben sympathische, etwas lausbubenhaft Art  macht ihn zu einem gern gesehenen Gast und Referenten in so manchen Dokumentationen und Berichten rund um das Thema Zigarette und leider auch der E-Zigarette. Denn leider ging und geht Stanton Glantz davon aus, die E-Zigarette sei eine große Industrieverschwörung und mindestens genau so schädlich wie das Tabakrauchen. So will er nachgewiesen haben, dass das Dampfen zu erhöhtem Risiko führt, einen Herzinfarkt zu erleiden. Gerade diese Studie wurde begeistert von den Gegnern der E-Zigarette immer wieder ins Feld geführt. Sie hatte nur einige Schönheitsfehler. Er verglich Daten von der Nutzung einer E-Zigarette und dem Auftreten von Herzinfarkten ohne dabei eine zeitliche Reihenfolge zu berücksichtigen. Deshalb fanden sich auch Patienten in der Statistik, die einen Infarkt erlitten lange bevor E-Zigaretten auf dem Markt überhaupt existierten. Diese massiven „Fehler“ führten zur Zurücknahme der Studie. Im Grunde ist das „System Glantz“ ganz einfach, ist die Datenbasis groß genug, lässt sich alles irgendwie zurechtbiegen. Ein findiger Statistiker wäre sicher auch in der Lage, eine Korrelation herzustellen zwischen dem Dampfen und der Zunahme von Fußpilz. Eine echte Korrelation oder gar Kausalität beweist das natürlich niemals. Solche „versehentlichen“ statistischen Unsauberkeiten finden sich auffällig häufig in Studien in diesem Bereich. Was zählt, ist aber eben nur die Schlagzeile, die sich einbrennt. Mission erfüllt!
Seine ehemalige Universität, die UCSF in San Francisco, wird zudem gefördert durch den Pharmariesen Johnson & Johnson, dem Hersteller des Rauchentwöhnungsmittels Nicorette. Ein Interessenskonflikt ist damit vorprogrammiert, denn das Aufkommen der E-Zigarette hat im Bereich der Rauchentwöhnung einen Drittel eines milliardenschweren Marktes von den Pharmariesen abgeknapst.

 

Den Gegnern gehen die Argumente aus

Mit jeder seriösen Studie verdichtet sich im Grunde das wissenschaftliche Bild von der relativen Harmlosigkeit der E-Zigarette. Um diese Erkenntnis kommt auch die jüngste Empfehlung der EU-Kommission zur Bekämpfung von Krebserkrankungen (BECA) nicht herum. So empfiehlt die Kommission die Risikobewertung von E-Zigaretten und Tabakerhitzern am Schadstoffgehalt in Relation zum Tabakrauch vorzunehmen. Und sie räumt ein, „dass E-Zigaretten einigen Rauchern erlauben könnte, schrittweise mit dem Rauchen aufzuhören.“

Ein Sinneswandel setzt sehr langsam ein und mit ihrem Statement ist die EU-Kommission schon deutlich weiter als alles, was z.B. von der WHO zu diesem Thema zu hören ist. Diese hält weiterhin an ihrem Dogma „quit or die“ fest, also Hör auf oder stirb – oder nutze die Produkte der Pharmaindustrie. Schadensminimierung (Harm Reduction) kommt in dieser Betrachtung nicht vor, also in diesem Fall z.B. der Wechsel vom tödlichen Rauchtabak zur deutlich weniger schädlichen E-Zigarette.

„Gesundheitsorganisationen […] blasen Ängste über mögliche Gesundheitsgefahren durch das Dampfen auf. In dem Versuch eine Industrie zu unterdrücken, die das Potential hat, Millionen Leben zu retten.“
Prof. Dr. Jed Rose, Duke University Medical Center, Erfinder des Nikotinpflasters

Das sieht Prof. Robert Beaglehole übrigens sehr ähnlich. Auf der FCTC-Konferenz Anfang Dezember 2021 in London hielt er eine Grundsatzrede. Er war nicht nur Professor für öffentliche Gesundheit an der University of Auckland, sondern war bis 2007 Direktor der Abteilung für chronische Krankheiten und Gesundheitsförderung der WHO. Die Konferenzteilnehmer treffen sich alle 2 Jahre, um über globale Strategien zur Eindämmung des Tabakkonsums unter Federführung der WHO zu beraten.

Prof. Beaglehole kritisierte diese Konferenz gleich in mehreren Punkten scharf:
• Zugangsverbot für Beobachter, Journalisten und auch Kritikern
• das unrealistische Streben nach völliger Abstinenz
• der hartnäckige Widerstand gegen weniger schädliche Produkte
• die finanzielle Abhängigkeit von der Stiftung Bloomberg Philanthrophies

Ganz uneigennützig und für die ach so gesunde Komplettabstinenz arbeitet die Stiftung dabei allerdings nicht, auch wenn es oberflächlich betrachtet den Eindruck macht. Der Begründer der Stiftung Michael Bloomberg hat zusammen mit Facebook Gründer Mark Zuckerberg und Microsoft Gründer Bill Gates über das Risikokapitalkonsortium Village Global die Gründung des Unternehmens Hava Health ermöglicht. Diese Firma stellt den Vaporizer Hale her, der derzeit in den USA ein Verfahren durchläuft zur Zulassung als Nikotinersatzprodukt. Im Ergebnis arbeitet die Stiftung also nicht an Gesundheitszielen sondern am Shareholder Value ihres Gründers.

 

Das Totschlagargument „Jugendschutz“

Die E-Zigarette wurde ausdrücklich für Raucher als deutlich weniger schädliche Alternative entwickelt. In allen Ländern weltweit ist der Verkauf nur an Erwachsene erlaubt. Es gelten meist dieselben Gesetze wie auch beim Tabakkonsum. Die Dampfgeräte wurden nicht als Lifestyle-Produkt entwickelt. Dass so mancher Hersteller dennoch ein jüngeres Publikum aktiv beworben hat, wird auch in der Branche selbst als gravierender Fehler gesehen. Unter diesem Imageschaden leidet die E-Zigarette stärker als unter jedem anderen Argument – gerade auch in der politischen Diskussion!

Weil sich eine Ablehnung von E-Zigaretten kaum noch wissenschaftlich begründen lässt und immer mehr Studien der Gegner als fehlerhaft entlarvt werden, verlagert sich seit einiger Zeit die Argumentation auf den Jugendschutz. Prävention wirkt immer und ist besonders bei Kindern und Jugendlichen stark emotional besetzt. Gegen Emotionen zu argumentieren erscheint nahezu unmöglich, auch wenn hier die Zahlen eine ganz andere Sprache sprechen. So ist der durchschnittliche E-Zigaretten Nutzer etwa 35 Jahre alt und war zuvor Raucher. Die Nutzung bei Jugendlichen im Alter von 14-17 Jahren liegt derzeit bei 0,5%, wie die Zahlen der aktuellen DEBRA Studie vom Dezember 2021 belegen –  Tendenz sinkend.

Dass der Probierkonsum höher liegt, dürfte wohl zu erwarten sein. In der Psychologie ist dieses Verhalten unter Jugendlichen bekannt. Trotzdem werden die allermeisten Jugendlichen eben nicht zu Alkoholikern, Drogenabhängigen oder Rauchern. In der aktuellen Debatte um die Legalisierung von Marihuana ist man sich dessen bewusst. Hierbei geht es vermutlich auch eher um die Bekämpfung des florierenden Schwarzmarktes. Ein Resultat aus der Prohibition, die auch die E-Zigarette bei zu starker Regulierung erleiden könnte.

 

Problemfall: Disposables

Aktuell nimmt der Verkauf von Einweg E-Zigaretten (sog. Disposables) rasant zu. Wir sehen als Verbraucherverband darin allerdings mehr Schaden als Nutzen. Das Marketing und Erscheinungsbild dieser Produkte ist dazu geeignet, die falsche Zielgruppe anzusprechen. Außerdem finden sich zahlreiche Produkte, die in der EU eigentlich gar nicht verkauft werden dürften. Die EU hat klare Regeln festgelegt, die auch in Deutschland gelten: geschlossene Systeme dürfen nur maximal 2 ml Flüssigkeit beinhalten und die Nikotinkonzentration darf 20 mg pro ml nicht überschreiten. Leider finden sich viele Geräte auf dem Markt, die sich nicht an diese Standards halten. Bei der Flut der Neuerscheinungen ist eine wirksame Kontrolle auch kaum möglich. Mit dem Wegbrechen der Mehrzahl der seriös agierenden Fachhändler durch die anstehende Besteuerung von E-Zigarettenliquids wird sich diese Problematik noch weiter verschärfen. Tankstellenpächter und Shisha-Ladenbetreiber schauen eben nicht genau so hin wie spezialisiertes Fachpersonal.

Das größte Problem ist jedoch die Nachhaltigkeit. Die vielbeschworene Energiewende in der Mobilität setzt derzeit auf Elektroantriebe. Dafür werden Akkus benötigt. Für diese wiederum werden seltene Erden gebraucht. Da ist die Entwicklung eines Produktes, das nur weiteren Elektro- bzw. Batteriemüll produziert äußerst widersprüchlich. Zumal realistisch betrachtet nur die allerwenigsten gebrauchten Disposables den Weg in die Recyclinganlagen finden werden. Ein Großteil wird leider im Hausmüll oder auf der Straße entsorgt, mit unabsehbaren Folgen für die Umwelt und dem Verlust wertvoller Rohstoffe.

Das Europaparlament hat dieses grundsätzliche Problem erkannt und stimmte einem Vorschlag der EU-Kommission zu, die Reparierbarkeit und Lebensdauer von Akkus nachhaltiger zu gestalten. Die Zielsetzung der Richtlinie ist:

„Das Europaparlament will beispielsweise den Anteil recycelter Rohstoffe wie Lithium, Nickel, Kobalt oder Blei in Batterien und Akkus stärker steigern. Die Rohstoffe sollen bereits bis 2026 eine Recyclingquote von 90 Prozent erreichen. Dabei soll ein europäisches Pfandsystem für Batterien und Akkus helfen.“ (Artikelauszug)

Die FAZ titelte am 11.03.2022 „EU-Parlament will festverklebte Handy-Akkus verbieten„. Sollte das so kommen, muss sich die Branche wieder einmal umstellen. Nicht nur Disposables wären davon betroffen. Auch die meisten gängigen Podsysteme und einige Akkuträger offener E-Zigarettensysteme haben fest verbaute Akkus. Diese sind mehrfach nutzbar und wieder aufzuladen und deshalb grundsätzlich schon nachhaltiger als Einweg-Geräte. Trotzdem würde die Umsetzung dieser EU-Richtlinie auch sie betreffen.

 

Die Rolle der Medien

Die Berichterstattung der Medien spielt eine zentrale Rolle bei der Wahrnehmung der E-Zigarette in der Öffentlichkeit. Das ganze Thema ist unglaublich komplex. Niemand kann ernsthaft erwarten, dass eine Zeitung sich so tief mit der Materie beschäftigt, um eine ausgewogene Berichterstattung zu gewährleisten. Aber wer das dennoch tut, der kommt oft zu einem ganz anderen Bild, als zu der bösen und schädlichen jugendverführenden E-Zigarette, von der manche Schlagzeilen so sprechen.

Etwa 59% der Bevölkerung glauben, die E-Zigarette sei mindestens genauso schädlich wie die Tabakzigarette und über 70% der Ärzte in Deutschland fühlen sich nach eigenen Angaben nur unzureichend über das Thema informiert. Das ist leider auch ein Resultat aus der medialen Berichterstattung über all die Jahre, auch wenn es unbeabsichtigt geschieht. Man darf dabei auch nicht außer acht lassen, dass Medien wie bei allen Themen ein Stück weit Getriebene sind. Angst verkauft sich einfach besser als Hoffnung. So bleibt als Hoffnung, neben inhaltlich absurden reißerischen Boulvardartikeln, der seriöse Journalismus, der eben etwas genauer hinschauen will. Den gibt es durchaus, beim Thema E-Zigarette nur einfach zu selten.

Selbstverständlich stehen wir als Konsumentenverband zum Themenkomplex allen Medienvertretern Rede und Antwort. Auf Nachfrage benennen wir auch gerne seriöse Ansprechpartner in Forschung und Branche.

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bvra

Bundesverband Rauchfreie Alternative e. V.
Der BVRA e. V. ist ein unabhängiger Konsumentenverband. Wir setzen uns ein für die Tobacco Harm Reduction und eine Beurteilung aufgrund der wissenschaftlichen Erkenntnisse.

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